Portraits

Kommt ein Vogel geflogen . . .

Bird in Bremen

Gut daß Vögel nicht immer überreißen, was es mit dem Nest auf sich hat, wohinein sie vorübergehend mal ein Ei legen. Janie Price, ein neuer Stern am englischen Singer/Songwriter-Himmel ist Bird. Sie war Anfang Mai zu Gast im Sendesaal von Radio Bremen und bestritt einen umjubelten Showcase zur Vorstellung ihrer Debut-CD „The Insides”. Und just dieser Sendesaal, ein liebenswürdig-fossiles Relikt aus den 50ern mit glorreicher Vergangenheit und einer ebenso glorreichen Akustik soll plattgemacht werden, Radio Brem’ will woanders neuer, besser, schöner bauen. Kuratorien laufen Sturm, der Verein der Freunde des Sendesaals ist entsetzt. Aber von alle dem hat Bird nichts mitbekommen.
Im Gegensatz zum Schicksal des bedauernswerten Sendesaals ist ihr Karriere-Bauwerk gerade mal im Aufbau begriffen und der deutschlandweit einmalige Auftritt in der Hansestadt war ein sicherlich wichtiger Baustein dazu. Da war es natürlich Pflicht, mit Frau Price am „morning after“ ein paar frühmorgendliche Worte zu wechseln, denn Bird ist kein Morgenmuffel, sondern ein früher Vogel.

Warum nennst Du Dich „Bird”, wo doch Janie Price ein nicht gerade unattraktiver Name ist?

„Wenn man seinen eigenen Namen benutzt, befördert einen das automatisch in eine bestimmte Kategorie. Wenn ich mich beispielsweise dazu entschließe, in ein anderes Genre zu wechseln, sagen wir mal etwas mehr in die elektronisches Ecke zu gehen, was sehr gut sein kann, dann tut man sich mit einem Projektnamen leichter. Denn es geht ja nicht nur um mich. Bird ist also eher ein Projekt. Wenn man Musik macht, bedeutet das eben nicht nur, daß man sich ins stille Kämmerlein zurückzieht und ein Album schreibt. Es gibt da immer noch jede Menge anderer Personen, die involviert sind, Leute die die Platten mastern, die mit dir zusammen komponieren, dich auf der Bühne begleiten. Und insofern fühle ich mich mit einem Projektnamen eben wohler.”

Wer gehört denn nun alles konkret zum Bird-Klan?

„Zur Zeit arbeite ich auf der Bühne mit meinem Gitarristen Michael Jarvis zusammen. Auf „The Insides” habe ich eng mit Eberg kooperiert, der auch das Album produziert hat. Er stammt aus Island und ich habe ihn auf einem Konzert in London kennengelkernt. Es hat sofort „click” gemacht und seither arbeiten wir eng zusammen. Und für das nächste Album gibt es eine Zusammenarbeit mit Gisli. Er stammt auch aus Island, lebt aber in Norwegen. Wir sind alle irgendwie wie eine große Familie und London mit seiner „Underground-Szene” ist der ideale Ort für uns. Ich bin zwar eine halbe Irin, bin aber London groß geworden und fühle mich in der ganzen Großstadthektik ziemlich wohl. Und deswegen muß ich mich auch nicht irgendwohin absetzen, um in Ruhe neues Material zu schreiben. Das funktioniert in London bestens. Und das mit der Island-Connection war reiner Zufall und hat sich eben so ergeben. Ich bin nicht der Typ der ständig selbstbezogen handelt und niemand an seine Arbeit heranläßt. Ein Team um sich zu haben ist sehr wichtig für mich. Denn bei der Teamarbeit lernt man unheimlich viel. Und deswegen finde ich es auch wichtig, immer wieder mit neuen Personen zusammenzuarbeiten.”

Sind deine Songs nun autobiografischer Natur oder beziehst du deine Ideen eher aus dem, was um dich herum passiert?

„Sagen wir mal so: es ist eine gesunde Mischung aus beidem. Ich hab da so ein kleines rotes Lederbüchlein und da kommen meine ganzen Ideen rein. In der Stadt passiert so wahnsinnig viel. Warum sollte man um kreativ zu sein also auf das Land ausweichen, wo es vergleichsweise wenig zu erleben gibt. Zum Beispiel schnappt man was in der U-Bahn oder auf der Straße auf und schon kann das die Initialzündung für einen neuen Song sein.
Das heißt natürlich auch, daß alles was man schreibt aus einer ganz persönlichen Sichtweise heraus entsteht. Wie andere Leute das dann wahrnehmen, muß nicht unbedingt mit der Intention des Songwriters übereinstimmen. Und gerade das ist das Tolle dabei. Du hauchst einem Song das Leben ein und deine Zuhörer nehmen es in sich auf, interpretieren ihn aber unter Umständen ganz anders.”

Das Cello, dein Hauptinstrument, ist ja nicht gerade sehr weit verbreitet in der Popmusik. Warum hast du dir ausgerechnet das Cello ausgesucht?

„Das war eine sehr frühe Entscheidung. Als ich sechs war, fragte uns unser Lehrer, wer Cello spielen möchte und ich habe mich gemeldet. Eigentlich hatte ich zu dem Zeitpunkt von diesem Instrument überhaupt keine Ahnung. Aber es war mir jedenfalls lieber, als Korbball zu spielen. Und wenn man es richtig lernen will – und das wollte ich – kommt man halt an einer klassischen Ausbildung einfach nicht vorbei. Das Cello hat keine Bünde oder wie das Klavier genau definierte Tasten. Das muß man richtig lernen. Und auch das Gehör muß entsprechend geschult werden.
Und was das Cello im Popkontext angeht, ist mit schon klar, daß ich da so etwas wie eine Seltenheit bin. Und da bin ich auch froh drum. Aber selbst wenn das nicht so wäre, wäre es trotzdem mein Instrument. Natürlich kokettiert man damit auch etwas. Gitarre-spielende Songwriter gibt es wie Sand am Meer, aber wenn dann plötzlich ein Mädel mit einem Cello auf die Bühne marschiert, dann ist das eben etwas besonderes und für mich unter Umständen sogar von Vorteil. Und dann ist da noch der Gegensatz zwischen meiner eigentlichen Frohnatur und dem eher getragenen Instrument. Etwas, was meiner Meinung nach gut funktioniert. Große Pop-Musik hat ganz oft einen etwas dunklen Unterton. Ich denke da an Leute wie Elliott Smith. Wundervolle Popsongs, aber trotzdem sehr „dark”. Und gerade weil das Cello diese etwas melancholische Seite repräsentiert. liebe ich dieses Instrument so."

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